An der diesjährigen CRB-Generalversammlung wurde Amadeo Sarbach als Präsident für eine weitere Amtszeit bestätigt. Im Interview spricht er über seine Motivation, die Vorteile der vermeintlich trägen Vereinsstruktur und darüber, wie sich CRB im aktuellen und zukünftigen Markt behaupten will.
Interview: Michael Milz | 29.09.2026
Wenn Sie auf die zehn Jahre als CRB-Präsident zurückblicken: Was haben Sie geschätzt, was war überraschend schwierig?
Am meisten schätze ich die Kontakte, die ich in den letzten zehn Jahren knüpfen konnte – sowohl innerhalb als auch ausserhalb von CRB – und die Offenheit im Umgang miteinander. Und dass CRB eine Plattform für alle am Bau ist. Kommt man von der Seite der Planenden, geht es vor allem um die Planung, für Ausführende steht die Ausführung im Vordergrund – bei CRB geht es jedoch um alle Beteiligten und alle Prozesse des Baubereichs. Dieser ganzheitliche Blick bedeutet aber auch, dass man sich gar nicht in jedem Punkt einig werden kann – man muss aber die Perspektiven der anderen verstehen. Ich habe es immer als sehr bereichernd empfunden, nicht nur in der eigenen «Bubble» zu sein. Schwierig finde ich hingegen, wie starr unser Markt ist. Ich bin von Natur aus ein Experimentierer, aber unser Umfeld ist überhaupt nicht experimentierfreudig: Es wird meistens eine fixe Lösung erwartet, die einfach funktionieren muss.
Und was hat Sie am meisten erstaunt?
Am erstaunlichsten ist für mich, wie lange eine Methode zum Beschreiben von Leistungen nahezu unverändert geblieben ist. Es ist ein einzigartiges Privileg für CRB, immer noch so stark vom NPK leben zu können. Gleichzeitig ist das natürlich ein Klumpenrisiko, das wir im Blick behalten müssen.
Was treibt Sie an, Ihr Amt als Präsident weiter auszufüllen und sich für die CRB-Standards und ihre Weiterentwicklung einzusetzen?
Seit meinem ersten Tag bei CRB ist es unser Umfeld, das mich antreibt: das Bauen an sich, die Bauwirtschaft sowie die Methoden, die man stetig weiterentwickelt. Mich motiviert das Versprechen, bestehende Produkte weiterzuentwickeln und neue zu entwickeln und dieses Versprechen auch einzulösen. Mit den neuen Ansätzen, die wir derzeit entwickeln – einem Bauteilkatalog sowie einem Onlinedienst, um 3D-Elemente aus dem digitalen Bauwerksmodell heraus mit NPK-Positionen zu verknüpfen – sind wir auf einem guten Weg. Dazu gehört auch ein passendes Mindset: die Überzeugung, dass die entsprechenden Produkte auch von uns entwickelt werden müssen und die Kompetenz dafür bei uns liegt. Es reicht nicht aus, nur zu orchestrieren; wir müssen die Umsetzung selbst in die Hand nehmen.
CRB hat drei Trägerverbände (BSA, SIA und SBV), die jeweils mit drei Personen im Vorstand vertreten sind. Welche Aufgabe haben die Trägerverbände heute? Und wie funktioniert das Zusammenspiel der verschiedenen Vertreter in Vorstand und Ausschuss?
Die grundlegenden Aufgaben haben sich kaum verändert: Der BSA repräsentiert die Entwerfenden mit Fokus auf Architektur, der SIA die pragmatischeren Konstrukteure, Architektinnen und Ingenieure, und der SBV die Umsetzer im Rohbau. Zusammen decken diese Verbände mehr als die Hälfte der Bauwirtschaft ab. Ihr gemeinsames Ziel in Vorstand und Ausschuss ist es, dass die CRB-Produkte bestmöglich auf die Bedürfnisse der Schweizer Bauwirtschaft ausgerichtet sind. Die Zusammenarbeit funktioniert dabei sehr gut und auf Augenhöhe. Wichtig ist mir zu erwähnen, dass die Verbände dabei nicht nur Partikularinteressen vertreten, sondern oft im Sinne des Gesamtinteresses von CRB abstimmen.
«Der NPK ist in seiner Einheitlichkeit über alle Gewerke hinweg einzigartig in Europa.»
Wie neutral sind Sie selbst? Immerhin sind Sie ein Vertreter des SIA …
In der Tat haben wir intern schon darüber diskutiert, ob es nicht besser wäre, wenn ich als Präsident neutral positioniert wäre. Aber am Ende ist es so, dass praktisch alle, die mit Bauen zu tun haben, im SIA organisiert sind – sie sind entweder Mitglied im Baumeisterverband und im SIA oder im BSA und im SIA. Es ist kaum jemand nur im SIA. Da es bei CRB statuarisch so festgelegt ist, dass die drei Trägerverbände je drei Vertreterinnen oder Vertreter in den Vorstand berufen, bin ich in den SIA eingetreten. Ich sehe mich in meiner Rolle jedoch übergeordnet als neutral.

Welche Rolle spielen CRB-Standards wie NPK oder eBKP in einer zunehmend digitalisierten Welt?
Weiterhin eine entscheidende: Der NPK ist mit seiner einheitlichen Sprache und Struktur über alle Gewerke hinweg einzigartig in Europa und wird auch bei kleinen Gewerken und Bauarbeiten primär für die Ausschreibung genutzt. Entscheidend ist, dass wir diese Qualität in neue, digitale Produkte transformieren, die besser mit anderen Tools verknüpft werden können, um die bestehenden Produkte so weiterzuentwickeln und neue zu schaffen.
Wenn Sie die aktuelle Strategie von CRB in wenigen Sätzen zusammenfassen müssten: Wo will CRB hin, und wie soll das erreicht werden?
Intern wollen wir ein modernes Unternehmen und ein attraktiver Arbeitgeber sein, extern müssen wir den Markt intensiver bearbeiten. Unsere Marke muss die Transformation hin zu neuen digitalen Lösungen widerspiegeln. Strategisch sehe ich drei Kernbereiche: Erstens die Sicherung und Weiterentwicklung bestehender Produkte wie NPK und eBKP. Zweitens die Entwicklung neuer marktrelevanter Produkte wie der Bauteilkatalog zur Definition von Standard-Bauteilmerkmalen sowie ein Modell zur direkten Verknüpfung von 3D-Elementen mit NPK-Positionen. Und drittens wollen wir den Markt aktiv mitgestalten und nicht nur beobachten. Statt auf Kundenanforderungen zu warten, gehen wir proaktiv vor, indem wir die Bedürfnisse der verschiedenen Stakeholder abholen und in die Entwicklung einfliessen lassen, und fordern die Branche auf, Neues auch auszuprobieren. Diese aktive Marktentwicklung ist zentraler Teil unserer Strategie.
«Wir werden als öffentliche, sachorientierte Instanz wahrgenommen.»
Wie sieht diese aktive Marktentwicklung konkret aus?
Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, bereits unfertige Teilprodukte und Prototypen zu präsentieren, anstatt nur perfekte Konzepte zu zeigen. Indem wir diese Tools den Anwenderinnen und Nutzern frühzeitig und ohne erste Lizenzgebühren zur Verfügung stellen, bekommen wir direktes Feedback von den Anwendern unserer Produkte und von Planenden. So können wir Lösungen präzise an den Praxisbedürfnissen ausrichten und den Markt gezielt mitentwickeln.
Die Bauwelt verändert sich rasant. Ist die aktuelle Vereinsstruktur aus Ihrer Sicht noch zeitgemäss, um auf diese Veränderungen schnell genug zu reagieren?
Ich frage mich, ob sie sich wirklich so rasant verändert. Im Vergleich zu anderen Bereichen wirkt die Bauwelt auf mich eher träge. Was die Rechtsform betrifft, bin ich sicher, dass der Verein der richtige Weg ist. Er verleiht uns die nötige Glaubwürdigkeit, da wir marktrelevante Dinge tun, um die Branche voranzubringen, nicht primär für den Profit. Gewinne sind zwar nötig, um Innovationen und Experimente zu finanzieren, aber eine rein gewinnorientierte Struktur hätte Nachteile: Man würde weniger lukrative, aber essenzielle Gewerke – etwa im NPK – eventuell weglassen. Als Verein funktioniert die Kollaboration mit Partnern und Behörden viel besser. Wir werden als öffentliche, sachorientierte Instanz wahrgenommen, ähnlich wie ein Forschungsinstitut, was in Diskussionen mit dem Bund oder den Kantonen unser entscheidender Vorteil ist.
Vor welchen Herausforderungen steht CRB in den nächsten vier Jahren?
Die grösste Herausforderung liegt darin, dass die neuen Projekte, die wir angestossen haben, am Markt wirklich erfolgreich ankommen. Es geht nicht primär darum, ob wir die technische Umsetzung schaffen – das haben wir bereits bewiesen –, sondern darum, dass die Produkte von den Anwendern in der Praxis akzeptiert werden. Darüber hinaus müssen wir in den nächsten vier Jahren unser Klumpenrisiko reduzieren. Aktuell hängen wir zu stark von einem einzigen Produkt ab. Wir müssen uns diversifizieren und unsere Qualitätsstandards in verschiedene, miteinander verknüpfte Produkte integrieren.
Sehen Sie weitere externe Herausforderungen? Gibt es Entwicklungen im Markt oder von aussen, die sich bereits abzeichnen?
Konkurrenz an sich sehe ich eher als Chance. Das eigentliche Risiko ist eine Verlagerung des Schwerpunkts: Falls die Bauadministration zu stark an spezifische CAD-Programme geknüpft wird, wäre sie keine nationale Lösung mehr, sondern eine globale, da diese Programme meist in Amerika oder Asien entwickelt werden. Das ist unsere eigentliche Herausforderung. Momentan zeichnet sich dies jedoch nicht ab, da wir in der Schweiz sehr fortschrittlich sind. Wir hoffen, dass unsere eigenen Entwicklungen so attraktiv sind, dass diese in die CAD-Programme integriert werden und nicht andere und damit unterschiedliche Standards.
Ob Geschäftsstelle, Vorstand oder externe Partner – was ist Ihnen bei der Zusammenarbeit besonders wichtig?
Am wichtigsten sind mir Offenheit und Ehrlichkeit. Kollaboration ist grundsätzlich super, und auch ein gewisser Wettbewerb ist nichts Schlechtes. Ich erwarte jedoch von anderen, dass sie transparent kommunizieren, wenn sie eine eigene Lösung entwickeln, anstatt dies parallel und heimlich zu tun. Es besteht oft die Gefahr, dass andere selbst mit einer Entwicklung beginnen, wenn wir beispielsweise mit einem Projekt wie dem Bauteilkatalog zu langsam sind, uns dies aber nicht mitteilen. Meine Erwartung an eine echte Kollaboration ist, dass man ehrlich anspricht, wenn man in Konkurrenz zueinandersteht. Das ist völlig okay, solange es offen kommuniziert wird.
Neben Ihrem Engagement bei CRB unterrichten Sie an der ZHAW am Studiengang Architektur. Welche Fächer unterrichten Sie dort?
Ich bin hauptsächlich im Bachelor-Studiengang tätig. Im ersten Jahr unterrichte ich im Bereich «Kunst und Raum» – das Modul, in dem es primär um Gestalten geht. Dort leite ich die digitalen Seminare. Im zweiten Jahr bin ich im Bereich Entwurf tätig. «Entwurf und Konstruktion» ist das Hauptfach des Architekturstudiums. Ich bin im Entwurfsmodul für die Architekturvisualisierung und die Gesamtdarstellung zuständig. Mein dritter Schwerpunkt im zweiten und dritten Jahr ist ein Wahlfach für freie Gestaltungsarbeiten. Hier können die Studierenden ein Thema definieren, das im regulären Studium im Bachelor weniger üblich ist, und daran ein ganzes Semester unabhängig arbeiten. Die Themen sind sehr vielfältig und reichen von digitalen Ansätzen über Entwurfsprojekte bis hin zu komplexen Gestaltungsprojekten.
Wie verändern die Ansprüche, Erwartungen und Kenntnisse der Digital Natives das Studium?
Bei den Grundlagen hat sich wenig geändert: Die Vermittlung bleibt klassisch, da der menschliche Massstab und die Proportionen konstant bleiben. In der Vertiefung gibt es jedoch eine problematische Tendenz: Viele Studierende glauben, dass KI das Lernen ersetzt. Dabei übersehen sie, dass man Technologie beherrschen muss, um sie aktiv mitgestalten zu können, statt nur Anwender globaler Softwarelösungen zu werden. Das unterscheidet den Experten vom Laien. Auch in der Präsentation bleiben geplottete Pläne wichtig, da man in der rein digitalen Welt das Gefühl für den Massstab verliert. Ein Gebäude ist am Ende ein physisches, analoges Objekt. Man kann nicht in die Digitalität flüchten, sondern muss das Digitale immer wieder in die reale Welt übersetzen – das ist das Besondere am Architekturstudium und an der gebauten Architektur.
Und was machen Sie, wenn es nicht um CRB und Studierende geht?
Am liebsten segle ich; mein Hochseesegelschiff ist seit über 20 Jahren eine wichtige Konstante in meinem Leben. Zudem widme ich mich an den Wochenenden oft dem Modellfliegen. In meiner Freizeit schaue ich gerne Filme, wobei ich gute Geschichten heute seltener finde als früher. Zudem besuche ich Museen. An der Schweizer Museumskultur schätze ich besonders die Offenheit und die räumliche Nähe zu den Kunstwerken. Kürzlich habe ich die Ausstellung eines ehemaligen Studierenden von mir in einer Kunsthalle in Schaffhausen besucht.
Amadeo Sarbach hat an der ETH Zürich Architektur studiert und befasste sich schon früh mit der digitalen Visualisierung von Architektur sowie mit Kommunikation und digitalen Methoden. Er arbeitete in der Folge immer an der Schnittstelle zwischen Digitalisierung und Architektur. Vor rund zehn Jahren wurde er zum Präsidenten von CRB gewählt. Mit seiner Wiederwahl an der Generalversammlung 2026 nimmt er voller Elan seine dritte Amtszeit in Angriff. Sarbach ist Inhaber des Planungsbüros multipol in Zürich und unterrichtet am Studiengang Architektur der ZHAW in Winterthur.