Nicht zufällig geht es bei drei Projekten, mit denen Boris Brunner und sein Büro aktuell betraut sind, um Bauen im Bestand – Nachhaltigkeit in der Architektur ist für Boris Brunner eher Thema als Trend. Im Interview erzählt er ausserdem, wie BIM seine Arbeitsweise verändert hat, warum für ihn der eBKP-H der wichtigste CRB-Standard ist und wofür er sich im CRB-Vorstand engagiert.
Interview: Michael Milz | 27.03.2026
Boris Brunner, an welchen Projekten arbeiten Sie aktuell?
Wir stecken tief im Thema «Bauen im Bestand» mit sehr unterschiedlichen Projekten. Bei zwei Umbauprojekten geht es um Wohnungen für geflüchtete Menschen. Hier stellen sich uns nicht nur bauliche, sondern auch gesellschaftliche Fragen: Welche Raumqualität wollen und müssen wir als Gesellschaft zur Verfügung stellen? Die Herausforderung ist, mit den wenigen Mitteln, die politisch möglich sind, trotzdem ein Maximum an räumlicher Qualität herauszuholen. Parallel dazu beschäftigen wir uns mit dem Letzibad von Max Frisch. Die Anlage ist in die Jahre gekommen, und wir dürfen nun verschiedene Bereiche erneuern, nachdem wir bereits vor 20 Jahren die Gesamtinstandsetzung begleiten konnten. Es ist eine komplexe Aufgabe in einem sensiblen Umfeld: Das Bad ist eine denkmalgeschützte Gartenanlage, deren wertvoller Baumbestand für die Stadt Zürich eine enorme Bedeutung hat. Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Ein Freibad ist eine hochkomplexe Maschine mit intensiver Gastro- und Bädertechnik. Die Herausforderung ist, diese Technik stetig zu erneuern und sie fast unsichtbar – eben behutsam – in diese architektonische Ikone zu integrieren. Weiter bearbeiten wir eine grosse Zustandsanalyse für ein Spital mit 16 Gebäuden. Dabei geht es auch darum, im Anschluss aufzuzeigen, wie eine Erneuerung stattfinden kann. Die Herausforderung ist, gemeinsam mit Spezialistinnen und Spezialisten Informationen über eine enorme Anzahl an Räumen und Bauteilen effizient zu bündeln. In diesem Fall lösen wir das datenbasiert auf einer gemeinsamen Plattform, was die Zusammenarbeit aller Beteiligten massiv erleichtert und der Bauherrschaft am Ende eine klare, leicht auswertbare Entscheidungsgrundlage bietet.
Was sind aus Ihrer Sicht die zukünftigen Trends in der Architektur?
Bauen mit oder im Bestand ist weit mehr als eine vorübergehende Modeerscheinung. Früher haben wir die bebaute Umwelt primär als städtebaulichen Rahmen verstanden, in welchem wir unsere Neubauten einfügten. Heute wird der Bestand oft zur entscheidenden Ressource – sei es, dass dieser für einen weiteren Lebenszyklus ertüchtigt wird oder als Quelle von Material und Bauteilen dient. Das Bauen auf der grünen Wiese wird zum Sonderfall. Unser Ziel muss sein, die Lebensdauer bestehender Gebäude durch kluge Anpassungen zu verlängern. Ein langer Lebenszyklus durch hohe architektonische und bautechnische Qualität ist die beste Voraussetzung für einen schonenden Umgang mit Ressourcen. Dies stellt uns Planende vor spannende Aufgaben: Wie passen wir Gebäude an, dass diese den heutigen Bedürfnissen gerecht werden, ohne aber ihre Identität zu verlieren? Auch wenn Nachhaltigkeitsthemen durch das aktuelle Weltgeschehen manchmal etwas in den Hintergrund rücken, bin ich überzeugt, dieses Thema wird unsere Gesellschaft und unsere Arbeit noch lange prägen.
Inwiefern hat BIM Ihre Arbeitsweise verändert?
Wir planen seit rund zehn Jahren modellbasiert, die Informationen, das «I» von BIM, erhalten dabei immer mehr Bedeutung. Als Architekturbüro, das vom Entwurf bis zur Bauabrechnung gerne alles anbietet, haben wir früh gesehen, dass BIM eine Chance für uns ist, mit der zunehmenden Komplexität im Planungsalltag umzugehen. Es ist ein sehr grosser Hebel, wenn wir den ganzen Planungsprozess digital begleiten können. Für uns ist es besonders wichtig, dass die Digitalisierung nicht in einer Nische stattfindet. Wir beschäftigen keine isolierten BIM-Koordinatoren, sondern erarbeiten uns das Wissen in der Breite. Unser Ziel ist, die digitale Kompetenz direkt in den Projektteams zu verankern. Natürlich ist dies eine kulturelle Herausforderung: Wir bringen erfahrene Kolleginnen und Kollegen mit den «Digital Natives» zusammen. Dieser Austausch zwischen langjähriger Bauerfahrung und technischer Affinität ist sehr wertvoll. BIM ist für uns kein reines Software-Thema, sondern eine Frage der Zusammenarbeit.
«Mit der BIM-Methode ändert sich das gesamte Phasenverständnis.»
Sehen Sie auch Nachteile von BIM?
Ein wesentlicher Nachteil ist derzeit das Fehlen von anerkannten Standards, die konsequent auf digital unterstützte Prozesse abgestimmt sind. Mit der BIM-Methode ändert sich das gesamte Phasenverständnis, und wenn wir zusätzlich Aspekte der Wiederverwendung einbeziehen wollen, verändern sich die Rahmenbedingungen noch einmal grundlegend. Unsere klassischen Honorarmodelle und gewohnten Abläufe nach SIA-Normen wurden ursprünglich nicht für digitale Planungsprozesse geschaffen. Bauherrschaften bestehen verständlicherweise oft auf einer starren Anwendung dieser Strukturen, sodass es schwierig wird, weniger lineare und beweglichere Planungsprozesse vorzuschlagen. Hier stossen wir oft an systemische Grenzen: Das regulatorische Korsett kann nicht Schritt halten mit der digitalen Realität. Wir wünschen uns oft in unseren Projekten mehr Flexibilität, um das volle Potenzial der Digitalisierung qualitativ und wirtschaftlich nutzen zu können.

Welchen Stellenwert nehmen die CRB-Standards in Ihrer Arbeit ein?
Für uns geht es bei den CRB-Produkten um mehr als um die rationelle Kostenplanung und Ausschreibung. Die Standards nehmen einen grossen Stellenwert ein und schaffen eine gemeinsame Sprache für die Zusammenarbeit in unserer Branche. In diesem Sinne nutzen wir z. B. den elementbasierten Baukostenplan Hochbau eBKP-H nicht nur als Möglichkeit, Baukostenschätzungen zu gruppieren, sondern als strukturelles Fundament unserer Modellierung. Sehr viele Prozesse und Rahmenbedingungen knüpfen direkt an die eBKP-H-Klassifizierung an. Ob wir Kosten planen, Ökobilanzen erstellen oder Lebenszyklen bestimmen, wir greifen immer auf dieselbe Basis zurück, da dort präzise und leicht verständlich die Elementgruppen definiert sind. Wenn man den eBKP-H als strukturellen Anker für jedes Bauteil nutzt, lassen sich leicht sehr viele relevante Informationen effizient nutzen. Besonders für ein kreislauffähiges Planen und Bauen ist diese Ordnung eine grosse Erleichterung. Das sorgfältig illustrierte Anwenderhandbuch ist dabei eine hervorragende Hilfe, um die Logik im Team und mit externen Partnern zu vermitteln.
Selbstverständlich spielt die NCS-Farbklassifizierung eine wichtige Rolle zur präzisen Definition und Kommunikation von Farben. Auch der NPK und BKP sind bei uns täglich genutzte Standards für die Ausschreibungen und Bauadministration. Alle diese Werkzeuge sind in unserem Alltag sehr hilfreich und müssen weiterentwickelt werden.
Nutzen Sie auch die Plattform werk-material.online zur Kennwertermittlung und welchen Nutzen ziehen Sie daraus?
Ja, wir nutzen werk-material.online regelmässig. Die Idee, ein digitales Archiv mit hochwertigen Bauwerken leicht zugänglich zu machen, ist hervorragend. Insbesondere, wenn dieses Archiv zukünftig stetig wächst. Der eigentliche Wert liegt an der gebündelten Information an einem Ort, so lassen sich Projekte miteinander oder mit eigenen Vorhaben hinsichtlich verschiedenster Kennwerte leicht vergleichen. Dabei spielt die Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Daten für uns eine zentrale Rolle. Ich sehe in der Plattform ein grosses Potenzial, besonders wenn diese noch im grossen Stil mit Berechnungselementen ergänzt werden sollte. Die Möglichkeit, zukünftig Kosten und Ökobilanzen gleichzeitig zu analysieren, würde die Planung vereinfachen und ganz neue Sichtweisen auf die Themen ermöglichen. Damit das Werkzeug seine volle Wirkung in der Anwendung entwickeln kann, braucht es aber noch eine wesentlich breitere Datenbasis. Aktuell fehlen uns Elemente in grösserem Umfang und eine durchgehende Klassifizierung nach neuster eBKP-H-Struktur. Sobald diese Lücken geschlossen sind, kann CRB einen Zugriff auf eine sehr wertvolle Datenbank und ein sich weiter entwickelndes Projektarchiv anbieten.
«Die CRB-Standards schaffen eine gemeinsame Sprache für die Zusammenarbeit in der Branche.»
Helfen Ihnen Berechnungselemente bei Ihrer Arbeit?
Ja, wir setzen Berechnungselemente sehr gerne als Möglichkeit ein, unsere eigenen Kostenplanungen einzuschätzen und Abgleiche zu machen.
Gibt es Funktionen oder Schnittstellen, die in den bestehenden Berechnungs-Softwares noch fehlen und die Sie sich für die Zukunft wünschen?
In unserer Wahrnehmung funktionieren zu viele Softwares zu geschlossen. Oft herrscht die Mentalität bei den Anbietenden: «Kauft unser Gesamtsystem, dann lösen wir eure Probleme.» Als Resultat entstehen Datensilos, die den Austausch zwischen verschiedenen Anwendungen und Partnern massiv erschweren. Dieser Ansatz bringt niemanden weiter. Wir brauchen wesentlich offenere Lösungen. Es muss möglich sein, Daten reibungslos zu transportieren und die Werkzeuge so einzurichten, dass sie die spezifischen Bedürfnisse der Büros tatsächlich abdecken können. Als Architekturbüro benötigen wir Zugang zu verlässlichen und transparent hergeleiteten Daten, nur so können wir die Kontrolle und damit die Datenhoheit über unsere Informationen und Prozesse behalten. Daher ist Offenheit und Zugänglichkeit von Daten etwas, was ich mir auch von CRB vermehrt wünsche.
Wir müssen als Organisation sicherstellen, dass unsere Standards nicht nur in geschlossenen Systemen funktionieren, sondern als offene Schnittstellen breit angewendet werden können. Unser Ziel muss sein, CRB-Daten so flexibel und zugänglich zu machen, dass sie zur universellen Grundlage für alle am Planungs- und Bauprozess Beteiligten werden.
Sie engagieren sich seit drei Jahren im Vorstand von CRB. Was ist Ihnen da speziell wichtig?
Als Vertreter der Architektenschaft ist es mir ein Anliegen, dass CRB zukünftig wieder direkter Planende mit seinen Produkten und Dienstleistungen anspricht. Als zentraler Punkt – wie bereits erwähnt – sehe ich den digitalen Zugang zu Standards und maschinenlesbaren und verlässlichen Daten. Mir ist bewusst, dass dazu neue, zeitgemässe Lizenzmodelle erforderlich sind. CRB hat in der Vergangenheit hervorragende Arbeit in Form von Dokumenten geleistet. Diese wertvollen Inhalte gilt es nun in digital nutzbare Formate zu bringen, eine Publikation als eBook oder PDF reicht dabei nicht aus. Aus meiner Sicht müsste die Revitalisierung der Daten der früheren Elementarten-Kataloge ein konkretes Projekt sein. Die auf Papier gedruckten Kataloge enthielten umfangreiche Daten zu Energiekennwerten und Ökobilanzdaten. Diese Daten müssten aktualisiert werden und könnten beispielsweise integrierter Bestandteil der Plattform werk-material.online werden. Schliesslich möchte ich mich dafür einsetzen, dass wir Planende unabhängiger von den Zwängen einzelner Software-Produkte werden. CRB soll als neutrale Instanz die Datenhoheit der Architektinnen und Architekten stärken, indem es Informationen direkt und systemunabhängig bereitstellt.
Wie stellen Sie sicher, dass Sie auch in Zukunft auf fähige Nachwuchskräfte zählen können?
Aktuell spüren wir noch keinen Mangel, aber uns ist bewusst, dass sich dies in einer alternden Gesellschaft sehr schnell ändern kann. Als Architekturbüro haben wir in der Schweiz die Möglichkeit, eine Grundausbildung zu übernehmen. Aktuell bilden wir drei Zeichnerinnen und Zeichner der Fachrichtung Architektur aus. Weiter vertrete ich den SIA in einer Berufsbildungskommission, die sich um die Qualität der Zeichnerberufe in der Bildungslandschaft Schweiz kümmert. Innerhalb des Büros versuchen wir aktiv die jüngeren Kolleginnen und Kollegen miteinzubeziehen. Wir binden sie bewusst in die Diskussionen über strategische Themen wie ressourcenschonendes Bauen oder Digitalisierung mit ein. Dabei geht es nicht nur darum, Wissen weiterzugeben, sondern auch um frische Perspektiven und Ideen im Team einzubringen.
Boris Brunner, geboren in Zug, hat ursprünglich eine Lehre als Hochbauzeichner gemacht und danach in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet, ehe er an der Fachhochschule beider Basel und an der HdK Berlin Architektur studierte. Während des Studiums lernte er Roger Weber kennen, mit dem er 1999 ein gemeinsames Büro gründete. Im Jahre 2016 folgte die Gründung des Standorts Berlin zusammen mit Elise Pischetsrieder. Heute hat die weberbrunner architekten AG 25 Mitarbeitende in Zürich und 20 in Berlin. Seit drei Jahren ist er als BSA-Vertreter im CRB-Vorstand. Boris Brunner ist Vater von vier Kindern und lebt in Zürich und Berlin.