Mit dem Prinzip der Ähnlichkeit als Methode zur Kostenbeurteilung können messbare Eigenschaften und die qualitative Einordnung zwischen Referenzbeispielen genutzt werden. So werden Kostenerwartungen nicht nur abschätzbar, sondern nachvollziehbar und begründbar.
György Orbán | 16.10.2026
Jedes Ding in der Welt hat Eigenschaften, aufgrund derer es sich beschreiben lässt. Ein Telefon beispielsweise besitzt eine bestimmte Grösse, Leistung, Farbe und Ausstattung. Ein Gebäude besitzt eine Funktion, eine Grösse, ein Raumprogramm und eine Qualität.
Um Kosten beurteilen zu können, behandeln wir sie nicht als beschreibende Ausgangsgrösse, sondern als gesuchte Zielgrösse. Das Ergebnis dieser Beurteilung hängt von den wichtigen Eigenschaften ab. Wären alle preisrelevanten Eigenschaften sowie ihre Wirkung unter den gegebenen Marktbedingungen bekannt, liesse sich auch der erwartbare Preis bestimmen. In der Wirklichkeit kennen wir diesen Zusammenhang aber nie vollständig.
Bei industriell hergestellten Produkten ist eine weitgehende Gleichheit möglich. Zwei Telefone desselben Modells oder zwei gleiche Flaschen Mineralwasser sind praktisch identisch. Unter gleichen Verkaufsbedingungen ist auch derselbe Preis zu erwarten.
Im Bauwesen gibt es diese vollständige Gleichheit nicht. Ein Gebäude kann nicht zweimal unter genau denselben Bedingungen erstellt werden. Selbst zwei gleich geplante Reihenhäuser stehen auf unterschiedlichen Grundstücken. Auch Ort und Zeit sind nicht gleich. Wie beim bekannten Bild des Flusses nach Heraklit gilt: Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.
Deshalb kann bei Gebäuden nicht ohne Weiteres der gleiche Preis erwartet werden. An die Stelle der Gleichheit tritt die Ähnlichkeit: Je mehr die wichtigen Eigenschaften zweier Gebäude übereinstimmen, desto ähnlicher sind sie. Je ähnlicher diese Eigenschaften sind, desto mehr dürften sich auch die Kosten ähneln.
Einige Eigenschaften lassen sich mit Zahlen ausdrücken, zum Beispiel die Grösse eines Gebäudes in Quadratmetern Geschossfläche GF nach SIA 416. Hier kann das Verhältnis zwischen dem geplanten Gebäude und einem Vergleichsprojekt berechnet werden. Sind beide Werte gleich, beträgt das Verhältnis 1. Je näher das Verhältnis bei 1 liegt, desto ähnlicher sind die Gebäude in dieser Dimension. Dies zeigt zunächst aber lediglich die Ähnlichkeit einer Eigenschaft, nicht das Verhältnis der Kosten.

Andere Eigenschaften besitzen keine geeignete Masseinheit: Funktionale Komplexität, Technisierungsgrad, Qualität der Oberflächen, architektonischer Raum oder die Integration in die Umgebung lassen sich nicht sinnvoll durch eine einzige Zahl ausdrücken. Solche Eigenschaften können trotzdem verglichen werden, wenn sie in eine Reihenfolge gebracht werden können. Dafür dient das Prinzip der Einordnung: Ein unbekannter Fall wird zwischen bekannte Beispiele gesetzt.
Wir planen zum Beispiel einen Bahnhof: Der geplante Bahnhof ist einfacher als der Hauptbahnhof von Zürich und komplexer als der Bahnhof von Luzern. Damit wird seine funktionale Komplexität zwischen zwei bekannten Gebäuden eingeordnet. Je kleiner der Unterschied zwischen den Vergleichsbeispielen ist, desto genauer kann die Einordnung erfolgen. Es entsteht keine künstliche Genauigkeit, sondern eine begründete Beurteilung in einem bekannten Rahmen.
Die eigentliche Schwierigkeit besteht darin, die wichtigen Eigenschaften zu erkennen. Nicht jede Eigenschaft bestimmt den Gegenstand und seine Kosten in gleichem Mass. Jean Baudrillard behandelt in «Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen» die Funktion und Bedeutung der Dinge. Eine Waschmaschine wird dadurch bestimmt, dass sie Kleider wäscht. Ob sie weiss oder rot ist, bestimmt ihre grundlegende Funktion nicht. Die Farbe kann trotzdem den Verkaufspreis beeinflussen, ist aber nicht im gleichen Sinn sachbestimmend wie die Funktion.
Bei Gebäuden ist die Funktion häufig die wichtigste sachbestimmende Eigenschaft. Ein Kindergarten sollte zuerst mit einem Kindergarten verglichen werden. Ein geplanter Kindergarten mit zwei Klassenzimmern kann mit einem Kindergarten mit einem oder drei Klassenzimmern verglichen werden. Die Funktion stimmt überein. Das Raumprogramm ist ähnlich, aber nicht gleich.
Bei seltenen Gebäudearten fehlen gelegentlich direkt passende Beispiele. Für eine Berufsschule können dann geeignete Primarschulen, Sekundarschulen oder Gymnasien Hinweise geben. Die funktionalen Unterschiede müssen sichtbar bleiben.
Welche weiteren Eigenschaften wichtig sind, entscheidet sich von Fall zu Fall. Die leitende Frage lautet: Was ist aufgrund des aktuellen Wissensstands wichtig? Diese Dimensionen bilden die Grundlage für die Suche nach ähnlichen Projekten.

Die hedonische Methode untersucht, wie der Preis eines Produkts mit seinen Eigenschaften zusammenhängt. Ein frühes Beispiel stammt aus der amerikanischen Autoindustrie. Der Wirtschaftswissenschaftler Andrew T. Court untersuchte 1939 Fahrzeugpreise anhand von Produkteigenschaften. Im theoretischen Idealfall wären alle preisbestimmenden Eigenschaften und ihr genauer Einfluss auf den Preis bekannt. Dann liesse sich der Preis aus diesen Eigenschaften eindeutig berechnen. Im Bauwesen ist dieser Idealfall indes nicht gegeben. Nicht alle Einflüsse sind bekannt, und nicht alle wichtigen Eigenschaften lassen sich sinnvoll messen. Hier führt das Prinzip der Ähnlichkeit die Grundidee weiter: Messbare Eigenschaften werden proportional verglichen, andere werden anhand bekannter Beispiele eingeordnet. So kann die hedonische Methode auch für die Architektur angewendet werden.
Bei den Vergleichsprojekten kennen wir sowohl die wichtigen Eigenschaften als auch die entstandenen Kosten. Beim geplanten Gebäude kennen wir die Kosten zwar noch nicht, aber bereits einen Teil seiner Eigenschaften und Erwartungen. Diese Eigenschaften werden nun mit den entsprechenden Eigenschaften bekannter Gebäude verglichen. Dadurch wird das geplante Gebäude in Beziehung zu den Vergleichsprojekten gesetzt. Je stärker die wichtigsten Dimensionen übereinstimmen, desto mehr Grund besteht zur Annahme, dass sich auch die Kosten ähneln.
Die Kosten des geplanten Gebäudes werden damit nicht losgelöst beurteilt, sondern durch bekannte Beispiele erschlossen. Die Vergleichsprojekte zeigen, was ähnliche Gebäude gekostet haben. Der Vergleich zeigt, weshalb diese Kosten auch für das geplante Gebäude eine verständliche Erwartung bilden.
Genau darin liegt das Prinzip der Ähnlichkeit: Das noch Unbekannte wird durch seine Ähnlichkeit mit dem Bekannten erkennbar. Die Beispiele machen die erwarteten Kosten nicht nur abschätzbar, sondern auch verständlich und erklärbar.
Auch künstliche Intelligenz arbeitet mit Ähnlichkeiten. Sie muss die untersuchten Dinge jedoch in Zahlen übersetzen. Dabei macht sie auch Eigenschaften messbar, bei denen eine Zahl die Wirklichkeit zu stark vereinfachen kann. So können scheinbar genaue Regeln entstehen, obwohl menschliche Beurteilung notwendig wäre.
Das Prinzip der Ähnlichkeit geht anders vor. Was sinnvoll messbar ist, wird gemessen. Was nicht sinnvoll messbar ist, wird nicht in eine künstliche Zahl gezwungen – dort kommt das menschliche Beurteilungsvermögen zum Einsatz. Der Mensch bestimmt die wichtigen Eigenschaften, wählt passende Beispiele und begründet seine Schlussfolgerung.
Die Methode liefert nicht nur ein Ergebnis, sondern ermöglicht eine verständliche Argumentation anhand konkreter Beispiele. Architekt/-in und Bauherrschaft können so nachvollziehen, warum ein Vergleich passend ist, welche Unterschiede bestehen und weshalb die erwarteten Kosten plausibel sind, weil die Kosten in Beziehung zur Funktion und Qualität des Gebäudes erklärt werden.