Mehrwert für den Kunden schaffen ist immer das oberste Ziel

Die Architektin Birgitta Schock hat die digitale Planungsmethode zur Basis ihrer Arbeit gemacht. Ihr Rezept: Gelegenheiten nutzen, Neugier und Offenheit. 

 

Birgitta Schock, dipl. Architektin ETH/SIA, Partnerin der schockguyan Architekten GmbH, Mitglied im SIA-Vorstand, Mitglied im Vorstand von Bauen digital Schweiz, Mitglied im Vorstand Minergie Schweiz, Chairperson von buildingSMART Schweiz sowie Präsidentin von netzwerk_digital. 

Interview: Gaby Jefferies

Frau Schock, Sie werden als Spezialistin für BIM und Lean Solutions, Master Planning und Project Development bezeichnet. Wie sind Sie gerade darauf gekommen?
Das war kein bewusster Entscheid, den ich getroffen habe, es waren Gelegenheiten, die ich genutzt habe. Sicher hat auch meine Persönlichkeit eine Rolle gespielt, meine Neugier. Schon während des Studiums war ich an den Schnittstellen interessiert und nicht nur am Designansatz. Deshalb habe ich die Nähe zu anderen Fachdisziplinen gesucht und mich später als ETH-Assistentin dafür eingesetzt, dass die Zusammenarbeit z.B. zwischen Architekten und Bauingenieuren verbessert wurde. 

Sie sind Partnerin bei schockguyan Architekten, was macht Ihr Büro?
Wir machen vieles, aber keine Einfamilienhäuser. Konkret fokussieren wir auf grössere Projekte, z.B. im Infrastrukturbereich. Wir bieten Unterstützung bei der Erarbeitung von Businessmodellen, bei der Prozessoptimierung oder bei Lifecycle-Überlegungen. Da wir nicht immer das Gleiche machen wollen, setzen wir auf Partnermodelle und stellen Teams für verschiedene Aufgaben zusammen. 

Welche Bedeutung hat die digitale Planungsmethode für Ihre Arbeit?
Das Thema Digitalisierung ist Basis unserer Bürogründung. Meine Partnerin und ich haben 2001 eine Ausbildung in Global Teamwork am Project Based Learning Laboratory an der Stanford University absolviert. Da wir zu Hause zur gleichen Zeit einen Wettbewerb gewonnen hatten, konnten wir das Erlernte in diesem Projekt anwenden. So wurde die digitale Planungsmethode integraler Bestandteil unserer Arbeit. Oberstes Ziel ist immer, Mehrwert für den Kunden zu schaffen. Die Digitalisierung hilft mir, da sie zu Zeitersparnis und Qualitätssteigerung führt. So kann ich mich auf anderes konzentrieren. 

Auch im SIA-Vorstand, dem Sie seit April 2019 angehören, ist die digitale Transformation Ihr Thema. Welche Ziele haben Sie sich hier gesetzt?
Ich will mich dafür einsetzen, dass wir einen fairen, transparenten Markt haben, in dem die Digitalisierung als positives Element empfunden wird. Zunächst muss nach den Visionen und zukünftigen Bedürfnissen gefragt werden. Dafür wird ein Fachrat gebildet, der die Aufgabe hat, in einer Roadmap strategische Leitziele zu erarbeiten. Sie stellen das Messkriterium für alle anderen Aktivitäten dar. 

Wer gehört diesem Fachrat an?
Der Fachrat, der seine Tätigkeit noch in diesem Jahr aufnimmt, wird nicht über Namen formiert, sondern über Fähigkeiten. Es gibt gewisse Regeln, aber nicht alle sind SIA-Mitglieder. Digitalisierung ist keine isolierte Geschichte, sie betrifft die ganze Branche. Der SIA ist hier ein wichtiger Partner, kann aber nicht der alleinige sein. Ziel muss sein, in die Breite zu gehen, dafür zu sorgen, dass viele die positiven Effekte der digitalen Transformation erleben können. Dazu braucht es Austausch. Ich persönlich glaube an den Mehrwert von kleinen «Labs» in der ganzen Schweiz, welche helfen, die Entwicklung vorwärtszutreiben und Interessenten einen einfachen Zugang zu den Kernkompetenzen des SIA zu ermöglichen. 

Zur Koordination der digitalen Transformation haben SIA, CRB, KBOB, IPB und Bauen digital 2016 das netzwerk_digital gegründet. Was hat es erreicht?
Für mich liegt der Mehrwert des Netzwerks darin, für eine gute Abstimmung zu sorgen, jeder soll sich entsprechend seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten einbringen können. Das netzwerk_digital, dessen Präsidentin ich in diesem Jahr bin, wollte zunächst auch eigene Projekte machen. Dann hat man festgestellt, dass das nicht das Ziel sein kann, sondern dass es vielmehr darum geht, die Fähigkeiten der einzelnen Partner zu verstehen, die Partner in ihren Zielen zu unterstützen und die Ressourcen, die wir haben, effizienter zu nutzen. 

Was ist die Herausforderung dieses Netzwerks?
Jeder Partner muss für sich entscheiden, was sein Mehrwert daraus ist und für wie wichtig er diesen erachtet. Für mich hat sich in den letzten drei Jahren die Kommunikation zwischen den Beteiligten und das Verständnis untereinander deutlich verbessert; dies ist wichtig für die Baubranche und ihre Anbindung an die Politik. 

Wo steht die Schweizer Bau- und Immobilienwirtschaft in Bezug auf die Digitalisierung heute? 
Einzelne Player sind bereits sehr weit, für andere ist das Thema noch immer unbedeutend. Wie in anderen Ländern haben wir in der Bau- und Immobilienbranche Geschäftsmodelle, die jetzt hinterfragt werden. Sobald das geschieht, kommt ein Changeprozess in Gang. Dies trifft auf viele Unternehmungen – Besteller, Planer, Ausführende, Betreiber – zu. Sie sehen die Digitalisierung als Chance und sind dabei. Andere weichen den Fragen aus, auch das ist ein Entscheid. Einige, z.B. die SBB, übernehmen das Lead und stellen Forderungen. Daraus ergibt sich ein Pingpong-Effekt. Wir müssen uns im Vergleich zu anderen Ländern definitiv nicht verstecken. Allerdings haben wir alle unterschiedliche Treiber – und die Treiber sind entscheidend.

Was meinen Sie damit?
Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir immer noch in einer Komfortzone. Manchmal leiden wir daran, keinen oder nur wenig Druck zu haben. Japan hat z.B. aufgrund einer sehr restriktiven Einwanderungspolitik einen grossen Arbeitskräftemangel. Robotic, Machine Learning, Prefabrication usw. sind dort überlebensnotwendig. Davon können wir lernen. 

Und wie sieht die internationale Zusammenarbeit aus?
Da die Digitalisierung an der Grenze nicht Halt macht, ist es wichtig, die internationale Zusammenarbeit zu pflegen. Ich finde es sehr gut, dass CRB sich für diese Zusammenarbeit – z.B. bei buildingSMART International – engagiert, und zwar nicht nur, um etwas zurückzubekommen, sondern zuerst einmal um etwas einzubringen. Der Wert eines Netzwerks hängt immer davon ab, was die einzelnen Mitglieder einbringen. Wenn man in einem Land mit 26 Kantonen und vier Sprachen etwas schafft, das für alle stimmt, dann ist das für andere Länder ein Gradmesser und weckt ihre Aufmerksamkeit. 

CRB setzt sich seit 60 Jahren für die Standardisierung und Rationalisierung im Bauwesen ein. Wie beurteilen Sie die Bedeutung von Standards in der digitalen Welt? 
Standards sind die Grundlage der Digitalisierung; was man standardisieren, systematisieren und regulieren kann, lässt sich einfacher digitalisieren, da es messbar ist. Dafür steht CRB, hier hat es eine Vorreiterrolle. Ich hoffe, dass durch das Engagement im internationalen Netzwerk auch andere Länder von dieser hohen Qualität, die CRB einbringt, profitieren können. 

Welche Rolle spielt CRB bei dieser digitalen Transformation? 
CRB hat eine Leaderrolle, und wer diese Rolle haben will, muss sich damit auseinandersetzen, woher sie kommt. CRB tut dies: Einerseits ist CRB daran, seine Produkte zu optimieren und die Digitalisierung zu nutzen, andererseits verbindet sich CRB an den Schnittstellen mit den anderen. CRB befindet sich hier in einem spannenden Umbauprozess; es ist von aussen sichtbar, dass eine neue Kultur wächst: es darf ausprobiert werden. Wünschen würde ich mir jetzt noch, dass die Kommunikation früher beginnt, dann kann auch das Feedback schneller kommen.