Gute Rahmenbedingungen schaffen

  

Für Christoph Starck, seit gut einem Jahr Geschäftsführer des SIA, steht fest, dass es sich auch in Zukunft auszahlt, die Bedürfnisse aller Stakeholder der Baubranche zu einer gemeinsamen Lösung zusammenzuführen.  
Interview: Gaby Jefferies

Christoph Starck, dipl. Forstingenieur ETH/SIA, EMBA HSG, ist seit Ende 2019 Geschäftsführer des SIA. Zuvor leitete er fünfzehn Jahre die Geschäftsstelle von Lignum. Seit Sommer 2020 ist er bei CRB Mitglied des Vorstands und des Ausschusses. 

Wie war Ihr erstes Jahr als SIA-Geschäftsführer?
Aufgrund der äusseren Umstände war es ein sehr spezielles Jahr. Sich in einer so vielfältigen Organisation schnell zurechtzufinden, ist nicht einfach, aber Covid hat dies natürlich noch erschwert. Auch wenn ich viele Personen aus dem Netzwerk des SIA bereits kenne, waren Kontakte, die sonst automatisch stattfinden, nicht möglich. Die Aufgabe, die Geschäftsstelle und die Mitarbeitenden gut durch diese Zeit zu bringen, und die vielen Neuerungen haben mich stark gefordert. 

Was reizt Sie an der Aufgabe, einen Verein zu führen?
Das Interessante an einem Verein ist sicher die grosse Vielfalt an Themen, die wir bearbeiten können. Hinzu kommen die Vielfalt der Menschen, die sich in einem Verein engagieren, und die verschiedenen Kulturen – sowohl Lignum als auch der SIA sind gesamtschweizerische Organisationen. Das macht die Arbeit spannend.

Welche Themen stehen beim SIA aktuell im Vordergrund?
Wir arbeiten aktuell an drei strategischen Schwerpunktthemen: Klimawandel/CO2/Ressourceneffizienz, digitale Transformation und Beschaffungswesen. Beim dritten Thema geht es zum einen darum, unsere Mitglieder bei der Umsetzung des Anfang 2021 in Kraft getretenen Bundesgesetzes über das öffentliche Beschaffungswesen zu unterstützen. Zum anderen müssen die Beschaffungsordnungen angepasst und die Ordnungen für Leistungen und Honorare (LHO) neu definiert werden. Auch hier spielen Nachhaltigkeit und Digitalisierung mit. 

Welches Thema liegt Ihnen besonders am Herzen?
Aus der Sicht des SIA, für unser Selbstverständnis, ist diese Neugestaltung der LHO das zentrale Thema. Mir persönlich ist die Thematik Klimawandel, nachhaltige Entwicklung usw. sehr wichtig. Ich bin überzeugt, dass ein Verein wie der SIA einen Beitrag zur Umwelt, zum Verbrauch von Raum und Ressourcen, leisten kann. 

Worin sehen Sie die grossen Herausforderungen für die Baubranche?
Aktuell steht der Umgang mit Covid und den sich daraus ergebenden Folgen im Vordergrund. Auch wenn wir im Vergleich zu anderen Branchen Glück haben, wird die Pandemie in der Bauwirtschaft Spuren hinterlassen. Es gibt bereits erste Anzeichen, dass grössere Investitionsvorhaben zurückgestellt werden. Längerfristig würde ich die Klimathematik sowie die digitale Transformation, die alle Lebensbereiche betrifft, als grösste Herausforderungen bezeichnen. Für die Baubranche hat die Digitalisierung verschiedene Facetten: Es geht nicht nur um Technologie und neue Instrumente, die man anwenden kann, sondern sie bringt auch einen Kulturwandel mit sich. Das Rollenverständnis der einzelnen Akteure im Planungswesen verändert sich, die Vielfalt der Organisationsformen nimmt zu. Themen wie Datenmanagement haben grossen Einfluss auf die Arbeitsweise und das Rollenverständnis der Planenden. Und die grösste Herausforderung besteht im Moment darin, dass alles im Fluss ist und niemand abschätzen kann, was sich schliesslich durchsetzen wird. 

Was bedeutet dies für die Rolle des SIA?
Wir diskutieren aktuell darüber, wo der SIA vorangehen kann. Wichtig ist, dass wir mithelfen, für die Zukunft gute Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass die Planer und Planerinnen in den Prozessen ihre Rolle spielen können. Wir müssen unseren Mitgliedern Schritt für Schritt Wege aufzeigen, wohin die Entwicklung gehen könnte. Dazu müssen wir offen und beweglich sein und uns aktiv einbringen. 

Und für die Zusammenarbeit von SIA und CRB?
Ich glaube, dass es in Zukunft ein grosses Potenzial gibt, wenn wir eng zusammenarbeiten. CRB macht Standards, Instrumente für die tägliche Arbeit. Der SIA bestimmt mit seinen Normen, wie man zusammenarbeitet, und die Rahmenbedingungen für den Einsatz der Instrumente. In Zukunft müssen unsere Produkte digitaler sein und stärker ineinanderfliessen.

«Unser Vorteil ist, dass wir die Bedürfnisse aller Stakeholder
zu einer gemeinsamen Lösung zusammenführen.»

Wo sehen Sie hier mit Blick auf unsere Mitglieder Entwicklungspotenzial?
Die Zusammenarbeit über die verschiedenen Gewerke wird sich verändern. Die Prozesse werden integraler. Planende und Ausführende werden näher zusammenkommen, die Ausführenden werden früher in den Prozess eingebunden, es wird neue Schnittstellen geben. 

Wie wird die Marktstellung von CRB und SIA in zehn Jahren sein?
Wenn wir in zehn Jahren noch eine Bedeutung haben wollen, müssen wir die Chance nutzen und unsere Stärken weiter ausbauen. Wenn uns das gelingt, werden wir auch in Zukunft einen Mehrwert generieren, den andere nicht bieten können. CRB hat bei der Erarbeitung seiner Instrumente verschiedene Stakeholder am Tisch und ist nicht nur auf eine Teilbranche fokussiert. Und beim SIA ist es ähnlich; eine unserer Stärken ist, dass wir gemeinsam mit verschiedenen Stakeholdern definieren, wie Normen und Ordnungen aussehen müssen. Diese Zusammenarbeit ist in Zukunft ein wichtiger Aspekt. Es gibt sicher Organisationen, die agiler sind und schneller mit Lösungen kommen, aber sie sind immer auf ihr eigenes Bedürfnis fokussiert. Wir sind langsamer, aber unser Vorteil ist, dass wir die Bedürfnisse aller Stakeholder zu einer gemeinsamen Lösung zusammenführen. Das müssen wir beibehalten und gemeinsam weiterentwickeln. 

Vielfach spricht man von einem grossen Einfluss des internationalen Umfelds auf das Normenwerk der Schweizer Bauwirtschaft. Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation im Sinne von Chancen und möglichen Gefahren?
Im Zusammenhang mit der Digitalisierung werden sich Grundlagen weltweit angleichen, da ist es sicher eine Chance, dass die Schweiz bereits an diesen Prozessen beteiligt ist und ihr Gedankengut in die Gremien einbringen kann. Die grosse Gefahr besteht für mich darin, dass wir viel von unserer Stärke, der Innovationskraft, einbüssen, wenn wir zu viel von einer anderen Mentalität übernehmen müssen, bei der es vor allem um Kontrolle, Prüfen usw. geht. Unsere Normen lassen Freiräume, verlangen aber auch, dass man die Verantwortung trägt, die sich daraus ergibt. Zudem wird der Aufwand für den SIA immer grösser. 

Seit letztem Sommer vertreten Sie den SIA im Vorstand und Ausschuss von CRB. Was ist Ihnen hier wichtig?
Ich bin überzeugt, dass wir – SIA und CRB – unsere Arbeit in Zukunft noch viel enger verzahnen müssen. Hierzu möchte ich in meiner Rolle als CRB-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des SIA beitragen. Die wichtigen strategischen Entscheide und Weiterentwicklungen bei CRB mitzutragen, ist sehr spannend, aber auch eine grosse Herausforderung. So nah dabei zu sein und die Partnerschaft wirklich leben zu können, empfinde ich als Privileg.