NCS: eine leicht verständliche «Farbsprache»

Seit seinem Erscheinen in den 1980er-Jahren in Schweden ist das Natural Colour System NCS europaweit auf Erfolgskurs. Basierend auf der menschlichen Farbwahrnehmung hat es sich mit seiner nachvollziehbaren Logik und den praktischen, auf die Anwendung im Baubereich ausgelegten Hilfsmitteln auch in der Schweiz durchgesetzt.

Kunst am Bau Projekt «ausSichten» im Krankenheim Solina Spiez. Konzept und Umsetzung: Atelier kontur2. Foto: © kontur2. Alle Farbtöne NCS-codiert.

Bereits 36 Jahre, seit 1982, vertreibt CRB das NCS-Farbsystem. Doch eigentlich hätte der erste NCS-Atlas schon 1970 erscheinen sollen. 12 Jahre musste sich CRB gedulden. Eine solch lange Wartezeit nimmt nur auf sich, wer von einem Produkt wirklich überzeugt ist. Wie kam es soweit? 1966 machte sich eine Arbeitsgruppe von CRB, bestehend aus Architekten, Farbfabrikanten, Malern, Farbberatern und Vertretern der Schweizerischen Beleuchtungskommission auf die Suche nach einem Farbsystem. Es sollte die Verständigung über Farbe in der Baupraxis erleichtern, denn diese gestaltete sich oft zeitraubend und anstrengend. Bedenkt man, dass das menschliche Auge unter idealen Bedingungen fast 10 Mio. Farbtöne unterscheiden kann, ein Taschenlexikon der Farben aber lediglich 600 in Europa geläufige Farbnamen auflistet, ist dies nicht weiter verwunderlich. Es fehlen buchstäblich die Worte, um Farben zu bezeichnen. Ein Farbsystem mit numerischen, nachvollziehbaren Farbbezeichnungen drängte sich deshalb auf.

Das lange Warten

CRB nahm sich dieses Themas gerne an, denn es passte genau zum Aufgabengebiet der standardisierten Kommunikation im Bauwesen. Die Arbeitsgruppe zog verschiedene Varianten in Betracht, vom amerikanischen Munsell-Farbsystem über den schwedischen Farbatlas von Hesselgren, das Farbsystem von Ostwald, den Farbatlas von Aemilius Müller in Winterthur o der d ie R AL-Farbkarte bis zu Goethes Farbenlehre. Keine dieser Varianten vermochte jedoch ganz zu überzeugen. Da traf überraschend die Nachricht ein, beim Skandinavischen Farbinstitut in Stockholm (SCI) sei ein neues Farbsystem in Vorbereitung. 1970 sollte der Farbatlas, der gleichzeitig als Farbverständigungsnorm der skandinavischen Länder vorgesehen war, in Schweden erstmals erscheinen. Doch dann war plötzlich Funkstille, das Vorhaben schien begraben zu sein. Erst elf Jahre später tauchte das Projekt Farbsystem wieder auf. Die Finanzierungsprobleme in Schweden waren überwunden, und die Produktion der NCS-Produkte war erfolgreich angelaufen, sodass sich CRB entschloss, die Alleinvertriebsrechte für die Schweiz zu erwerben.

NCS stösst auf grosses Interesse

Mit knappem Budget und viel Elan widmete sich CRB der Einführung des Farbsystems in der Schweiz. Sehr schnell stiess dieses bei Architekten und Innenarchitekten auf grosses Interesse. Offensichtlich deckten die NCS-Produkte ein akutes Bedürfnis ab.

Der Erfolg von NCS in der Schweiz ist aber nicht zuletzt auch den vielbesuchten Kursen zu verdanken, für die CRB hochkarätige Fachleute gewinnen konnte. So entstanden in Winterthur die von Prof. Werner Spillmann geleiteten äusserst beliebten «Winterthurer Farbkurse». Auch die von CRB selbst angebotenen Schulungen stiessen aufgrund der kompetenten Kursleitung durch die beiden dipl. Farbberater IACC Rose-Marie Spoerli, Winterthur, und Hanspeter Berger, Worb, auf ein grosses Echo. Sie alle verstanden es, neben dem farbtheoretischen Hintergrund auch praxisbezogene Aspekte zu beleuchten.

Menschliche Wahrnehmung als Mass der Dinge

Was aber hat das Natural Colour System mit «natural» zu tun? Als einziges der zahlreichen Farbsysteme ordnet und bezeichnet es die Farben so, wie das menschliche Auge sie sieht. Das heisst, aus der Bezeichnung eines Farbtons geht hervor, welcher Buntton diesem zugrunde liegt, wie gross dessen visueller Anteil in Prozenten ist und wieviel Schwarz und Weiss wahrgenommen wird.

Ein geübter Anwender des NCS-Systems hat so aufgrund des NCS-Codes bereits eine Vorstellung, um was für einen Farbton es sich handelt. So liesse sich die NCS-Bezeichnung «S 1050-Y70R» ungefähr als «leicht aufgehelltes Rotorange» interpretieren, denn «1050» bedeutet, dass der Betrachter des Farbtons 10% Schwarz und 50% Buntton (und folglich 40% Weiss) wahrnimmt.

Der Buntton – hier «Y70R» – liegt auf dem Farbkreis zwischen Gelb (Y für yellow) und Rot (R für red) dort, wo das menschliche Auge 70% Rotanteil erkennt. Beim ersten Teil der NCS-Nummer (im genannten Beispiel «1050») spricht man von der Nuance des Farbtons, während der zweite Teil (im genannten Beispiel «Y70R») den Buntton angibt. Der Buchstabe «S» am Anfang des Codes bezieht sich nicht auf den Farbton, vielmehr steht er sowohl für «second edition», eine in den 90er-Jahren publizierte, überarbeitete Version des NCS-Systems, die heute noch gültig ist, als auch für «Standardfarbton». Die Prozentzahlen für den Schwarz- bzw. Buntanteil entsprechen jedoch wie erwähnt lediglich der Wahrnehmung des menschlichen Auges. Mit der eigentlichen Mischrezeptur zur Herstellung des Farbtons hat dies nichts zu tun. 

Farbkörper zeigt Farbverwandtschaften auf

Bildlich lässt sich das System in Form eines Doppelkegels darstellen, bei dem die vertikale Schwarz-Weiss-Achse die beiden Kegelspitzen verbindet. Der Farbkreis mit den vier Elementarfarben Gelb (Y), Rot (R), Blau (B), Grün (G) und den dazwischen liegenden Abstufungen bildet die Basis der beiden Kegel. Der NCS-Farbatlas baut auf dieser Darstellung auf. Die dort abgebildeten Farbdreiecke, die nichts anderes sind als vertikale Schnitte durch den Doppelkegel, enthalten die Farbnuancen der einzelnen Grundfarbtöne, ausgehend vom reinen Buntton bis zu Schwarz und Weiss.

Die Abstufung geschieht jeweils in Schritten von 10 Prozent. Allerdings gibt es in den Aussenbereichen der Dreiecke teilweise Lücken. Befinden sich diese im bunten Bereich, werden die Farbtöne nicht aufgeführt, weil bei ihrer Herstellung die geltenden Toleranzen und Qualitätsansprüche nicht erfüllt werden können oder die Farbstoffe nicht erhältlich sind. Fehlende Farbtöne im unbunten Bereich wurden aus praktischen, technischen und finanziellen Gründen weggelassen. Gesamthaft enthält das NCS-Farbsystem 1950 Farbtonmuster.

Für die Anwender des Systems ist die Orientierung an der menschlichen Wahrnehmung sehr hilfreich, weil dadurch die Logik der NCS-Codes einfach nachvollziehbar ist und die Kommunikation zwischen den verschiedenen Akteuren erleichtert wird.

Anhand der Codes können aber auch diverse «Verwandtschaften» abgelesen werden. So erkennt man aufgrund der Bezeichnung Farben mit demselben Buntton oder mit demselben Schwarz- bzw. Weissanteil. Im Wissen um diese Zusammenhänge lassen sich schnell und gezielt Farbpaare für Komplementär- und Helligkeitskontraste finden oder Farbreihen für Farbabstufungen zusammenstellen.

Praxisgerechte Arbeitsinstrumente

Das NCS-System ist produkt-, material- und branchenunabhängig. Die diversen aufeinander abgestimmten Arbeitsmittel sind ganz auf die Arbeit in der Praxis ausgerichtet. Je nach Verwendungszweck oder Vorliebe stehen zum Beispiel die NCS-Blocks mit Farbfächern nach Bunttönen oder nach Nuancen geordnet zur Verfügung. Neben den diversen Farbfächern und Boxen mit allen 1950 Farbtonmustern werden auch eine Sammlung mit den häufigsten Farben für den Aussenbereich angeboten sowie ein Fächer mit den beliebtesten Grautönen. Auch ein Fächer zur Feststellung des Glanzgrades ist im Angebot. Zusätzlich sind alle Farbtöne als Einzelmuster in den Formaten A4, A6 und A9 erhältlich.

Nicht nur im täglichen Gebrauch beim Erstellen und Umsetzen von Farbkonzepten ist das System nützlich, auch für Forschungsprojekte kann es eingesetzt werden. So entstanden im Zusammenhang mit Analysen über Fassadenfarben verschiedener Epochen in bestimmten Städten oder Regionen diverse Farbfächer mit NCS-Farbbezeichnungen*.

* Kompendium Farbraum Stadt: Box ZRH Buch mit Spezialbindung ohne Rücken, 228 Seiten, vierfarbig, Übersichtsplan der Stadt Zürich (BOX ZRH) und Epochenfächer 100. Herausgeber: Haus der Farbe.

Auch zu Phänomenen der Farbwahrnehmung wurde mit NCS Forschung betrieben. Interessant ist beispielsweise die Farbtonreihe, die aufzeigt, wie die wahrgenommene Farbintensität von Laubbäumen abnimmt und sich im Grundfarbton vom Gelbgrün zum Rotblau verschiebt, je grösser die Distanz zum Betrachter wird. Ähnliche interessante Hinweise für die Anwender sind auch in der Exterior Colour Collection zu finden. Dort wird die Abweichung zwischen der «Eigenfarbe», dem eigentlich verwendeten Farbton für eine Fassade, und der schliesslich «wahrgenommenen Farbe» aufgezeigt. Daraus geht hervor, dass grossflächig aufgetragene Farben in der Regel heller und farbiger wirken als das kleine Farbmuster.

Autorin: Virginia Rabitsch