Demokratisierung der Kostenplanung

Neu gibt es das «werk-material» nicht mehr nur auf Papier: CRB und werk, bauen + wohnen haben eine Online-Datenbank lanciert, die freien Zugriff und Auswertungen erlaubt.

Text: Sacha Menz und Hannes Reichel

Als kontextbezogene Disziplin orientiert sich Architektur zumeist an der örtlichen Baukultur. Dasselbe gilt auch für das einfache Bauen; es folgt diesem Primat und bestätigt sich als lokal getriebenes und gesteuertes Gewerbe. Wer selbst schon an verschiedenen Orten, im Mittelland und in den Alpen etwa, gebaut hat, weiss, wovon hier die Rede ist. Lokale Verschiedenheiten sind mit ein Grund, weshalb Kostenschätzungen im Baugewerbe mehr Vermutungen als wissenschaftlich hinterlegten Aussagen gleichen. Sie sind aber auch das Motiv zum Aufbau ausgeklügelter Baukosten-Datenbanken, die diesem Mangel entgegenwirken. In Deutschland wird beispielsweise in Form der sogenannten BKI-Baukosten eine jährlich wiederkehrende, umfangreiche Statistik mit zahlreichen Referenzbauten, Einheitspreisen und Angaben zu den regionalen Unterschieden publiziert. Die Nutzniesser sind breit abgesteckt.

Gut gehortete Geheimnisse 

Hierzulande sind Baukostendaten nicht einfach greifbar. Kennwerte aus abgerechneten Objekten werden unter Kostenplanern gemeinhin wie Grossmutters Kuchenrezepte als Familiengeheimnisse gehütet. Sie sind damit für eine breite Planergemeinschaft nicht verfügbar. Eine Ausnahme bilden die seit 1982 von der Redaktion von werk, bauen + wohnen ausgewählten Referenzprojekte, deren Daten im Rahmen der Rubrik «werk-material» publiziert werden. Dabei wären Verfügbarkeit und sorgfältige Anwendung verfeinerter Daten und Werte umso wichtiger, als uns Architekturschaffenden die generalistische Fertigkeit, Baukosten zu kalkulieren, leider weitgehend abhandengekommen ist. Aufgrund dieser Tatsache hat sich das Vertrauensverhältnis zu den Auftraggebenden zu unseren Lasten und zum Wohl der Kostenspezialisten verschoben.

Am Ende sind reine Baukosten-Datenbanken für Architekturschaffende nur begrenzt nutzbar: Skalierbarkeit, Standort, Baujahr, Segment (Wohnen, Büro, Miete, Stockwerkeigentum etc.), Konstruktionsart (Holzbau, Massivbau), Geschossigkeit, energetische Standards, Baugrund und Hangneigung, bis hin zur Ausführungsart (TU, GU, Einzelleistungsnehmer) verzerren vermeintlich übertragbare Kennwerte bis zur Unbrauchbarkeit.

Referenzierte und vergleichbare Datenbestände 

Die durch das «werk-material» ermöglichte Gesamtsicht auf ein Projekt wird nun mit verfeinerten Daten in digitaler Form verbunden. Was bisher den spezialisierten Bauleitungs- und Managementbüros oder grossen General- und Totalunternehmungen mit eigens ermittelten und bewirtschafteten Kostendatenbanken vorbehalten war, wird durch ein intelligent konzipiertes Kooperationsprojekt von CRB und werk, bauen + wohnen allen Architekturpraktizierenden zugänglich gemacht.

Die neue Kennwerte-Plattform ist unter dem Namen werk-material.online auf dem Web im Abonnement abrufbar. In der jetzt vorliegenden Version können Kostendaten von unterschiedlichen Projekten aller Baugattungen nach verschiedenen Standards (BKP, eBKP-H) gegliedert und auf verschiedene Ausmassnormen (SIA 116, 416) hin referenziert und verglichen werden. Zusätzlich lassen sich die Kennwerte der einzelnen Gliederungen in Prozent der Gebäudekosten anzeigen, und für jedes Referenzobjekt lässt sich der Anteil der spezifischen Position an einer definierten Einheit als Formquotient ausdrücken. So kann das eigene Projekt nicht nur über den direkten Weg der Kennwerte, sondern zusätzlich über die Überprüfung von Verhältniszahlen beurteilt und präzisiert werden.

Die quantitativ ermittelten Werte lassen sich durch kontextbezogene Kriterien ergänzen. Diese können auf einer grafisch übersichtlich gestalteten Oberfläche unter verschiedenen quantitativ messbaren und qualitativ beurteilbaren Ansprüchen projektbezogen gefiltert und untereinander in eine vergleichbare Beziehung gesetzt werden. In einem zweiten, noch anstehenden Entwicklungsschritt soll es für den Nutzer möglich sein, eigene Projektordner anzulegen und mit Kennwerten von ausgewählten Referenzobjekten abzugleichen.

Nutzerfreundliche Plattform 

Die Kraft der Plattform zeigt sich in ihrer Nutzerfreundlichkeit, dem direkten Bezug zu Referenzobjekten und der Einordnung in deren Kontext. Die Benutzer vergleichen ein beliebiges Objekt mit einem greifbaren, quantifizierbaren Spiegelbild über Daten, Pläne, Bilder und Beschriebe. Die bewährte Methodik und die über Jahrzehnte gesammelten Inhalte des werk-materials werden durch die Technologie des Digitalen in das Heute skaliert, allzeit verfügbar und stets auf dem neusten Stand abgebildet. 

Den Architekten steht mit werk-material. online ein wertvolles und verlässliches Instrument der Baukostenermittlung für die Phase der Projektierung zur Verfügung. Die Datenbank ist eine Bereicherung und Stärkung des Architektenmetiers sowie ein Beitrag zu einer Schweizer Baukultur, die sich wieder an ganzheitlichen Werten orientiert.

 

Sacha Menz (1963) ist ordentlicher Professor für Architektur und Bauprozess am Departement für Architektur der ETH Zürich. Von 2009 bis 2017 war er Vorsteher des Instituts für Technologie in der Architektur, das er mitbegründet hat. Er ist Mitinhaber des Büros SAM Architekten in Zürich.

Hannes Reichel (1981) ist Dozent für Bauökonomie an der ETH Zürich und Inhaber des Büros Reichel Architekten in Zürich. 

Dieser Beitrag wurde zuerst in «werk, bauen + wohnen 12 – 2019» publiziert.